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Unsere Reise an die rumänisch-ukrainische Grenze
Engagement

Unsere Reise an die rumänisch-ukrainische Grenze

Wir sind an die rumänisch-ukrainische Grenze gefahren. Am Anfang stand der Plan, die Familie von einem unserer Entwickler abzuholen. Aus diesem Plan wurde schnell eine riesige Aktion, denn wir wollten so vielen Menschen wie möglich helfen. Aber lest selbst...

Ludwig Petersen
Mar 11, 2022
Die Ausgangslage 🔎

Letsact beschäftigt unter anderem Entwickler in der Ukraine. Natürlich haben wir unsere Team-Mitglieder dort schon einmal besucht und auch bei unseren bisherigen Team-Trips waren sie dabei - sie sind einfach Teil unserer letsact-Familie. Als sich die Lage vor einigen Wochen in der Ukraine zuspitzte, haben wir ihnen unsere volle Unterstützung zugesichert und auch angeboten, sie in München oder Berlin aufzunehmen, bis sich die Lage entspannt. Dass das Ganze aber so eskaliert, dachte wohl niemand von uns...

Die Nachricht 📬

Am 1. März um 10:22 Uhr bekamen wir von unserem Entwickler Dmitriy die Nachricht, dass 13 Verwandte auf der Flucht seien. Er fragte, ob unser Angebot noch stehe und wir seine Familie an der Grenze abholen würden. Das stand natürlich noch und wir stürzten uns direkt in die Planung für die Reise zur Grenze.

Die Planung ✏️

Kurzerhand haben wir alle Teammitglieder in unserem Slack Channel informiert und eine Task Force gebildet. Nach einem Ad Hoc Videocall haben wir uns direkt in Team “Transport” und Team “Unterkunft” aufgeteilt. Zunächst planten wir mit zwei Sprintern an die Grenze zu fahren, stellten aber fest, dass wir dann nur Platz für unsere Kontakte hätten. Viel besser wäre es doch, direkt noch andere hilfsbedürftige Menschen mitnehmen zu können und so einen noch größeren Impact leisten zu können! Also organisierte Lena aus unserem Team gleich mal einen ganzen Reisebus mit 55 Plätzen - und das direkt für den nächsten Tag um 10:00 Uhr.

Der Transport war organisiert. Jetzt wussten wir aber immer noch nicht, wie das eigentlich alles ablaufen würde. Deswegen sprachen wir mit Leuten vor Ort und holten uns mehr Insights, um die Situation besser einschätzen zu können. Dabei stießen wir auf das Kulturzentrum GOROD, welches normalerweise vor allem muttersprachlichen Ergänzungsunterricht für Kinder in Russisch und Ukrainisch anbietet.

Es war mittlerweile 21:30 Uhr, aber wir fuhren trotzdem noch zu GOROD, in der Hoffnung, noch irgendjemand anzutreffen. Und tatsächlich: Noch einige dutzend Freiwillige kritzelten Whiteboards voll, packten Sachen zusammen und organisierten alles mögliche. Wir kamen angeblich wie gerufen, denn die Lager waren voll mit Hilfsgütern und wir hatten einen leeren Bus, der an die Grenze fahren würde. Das traf sich also sehr gut! Der Plan nahm langsam Gestalt an: Wir würden den nächsten Morgen bei GOROD starten, die Hilfsgüter in den Bus einladen und dann Richtung rumanäisch-ukrainischer Grenze aufbrechen. Das Kulturzentrum war sehr hilfsbereit und organisierte uns auch noch eine Übersetzerin. Aus unserem eigenen Netzwerk hatten wir ebenfalls eine Freiwillige gefunden, die uns bei Übersetzungen zur Seite stehen würde. Sprachlich waren wir also gut aufgestellt.

Der Morgen & Das Team 🧍

2. März 8:35 Uhr: Unser Busfahrer Mehmed schickte uns seinen Standort. Er steckte mies im Stau. Statt um 10 Uhr würde er erst um 14 Uhr in München ankommen. Als er es endlich geschafft hatte, luden wir mit Hilfe der Freiwilligen schnell die gesammelten Hilfsgüter bei GOROD ein und machten uns endlich auf den Weg: zwei Busfahrer, zwei Übersetzerinnen, mein Kollege Istvan und ich, Ludwig.

Die Hinfahrt & Ankunft 🚍
Auf dem Weg an die Grenze

Um 4 Uhr nachts machten wir erst einmal eine Pause und schliefen ein paar Stunden, bevor es am nächsten Morgen direkt um 10 Uhr weiterging. Die Familienmitglieder unseres Entwicklers waren mittlerweile schon über der Grenze, die Wartezeiten von 2-5 Tagen hat! Das ist nicht nur sehr lang, sondern auch sehr kalt... Auf der Fahrt machten wir uns viele Gedanken, weil wir einerseits immer noch nicht hundertprozentig wussten, wie die Lage vor Ort war und andererseits auch keinen genauen Plan hatten, wo wir die Hilfsgüter abladen sollten. Erst wenige Stunden vor Ankunft war das dann klar.

Wir und die fleißigen Freiwilligen nach dem Ausladen unserer Hilfsgüter aus dem Bus

Um 17:30 Uhr kamen wir endlich an unserem Ziel in Rumänien an: ein Hotel, welches von seinen Inhabern kurzerhand zu einem Auffangort für Geflüchtete umfunktioniert worden war. Die Organisation vor Ort haute uns um! So viele großzügige Menschen, die hilfsbereit umher liefen. Unser Bus wurde ausgeräumt und die Hilfsgüter an verschiedene NGOs verteilt. Wir bekamen kostenlos Essen und es wurde eine Liste mit Personen vorbereitet, die am nächsten Morgen mit uns nach Deutschland aufbrechen würden. Alles so schnell und unkompliziert! Das waren wir von Deutschland gar nicht gewohnt.Die Übernachtungsmöglichkeiten im Hotel waren alle bereits belegt. Deswegen bot uns ein Freund der Inhaber an, bei ihm zu übernachten. Wieder so eine großzügige Geste, die wir nicht erwartet hatten... Er hatte ein kleines, nettes Haus mit Hund und wir konnten uns die Nacht gut ausruhen.

Am nächsten Morgen wurden wir gegen 8:30 Uhr wieder zu dem Hotel gefahren. Unsere Mitreisenden standen alle schon abfahrtbereit vor dem Bus. Ein lokaler Bäcker brachte den Kindern noch eine Art Krapfen als Frühstück vorbei. Die Freiwilligen vom Hotel hatten uns außerdem Sandwiches für den Weg vorbereitet. Wie gesagt: Alle waren unglaublich hilfsbereit und zogen an einem Strang. Einfach beeindruckend! Wir gingen noch einmal kurz die Liste und Planung durch und los ging die Rückfahrt. Neben der Familie von Dmitriy hatten wir Frauen, Kinder, Babies, eine Schwangere und drei Hunde dabei.

Die Rückfahrt 🚌
Winterwetter in Rumänien

Und schon ging es zurück: An der ungarischen Grenze (Schengen-Raum!) hieß es: Wartezeit hier mind. ein Tag. Also fuhren wir zwei Stunden weiter an einen kleineren Grenzübergang. Dort warteten wir “nur” 5 Stunden. Yeah! Was wahnsinnig toll zu sehen war: Auch hier zeigte sich wieder die Hilfsbereitschaft der Rumänen. Neben der Grenze standen Freiwillige und verteilten Essen und Trinken und halfen bei den Autos, die nicht mehr ansprungen. Wir fuhren jetzt ohne Pause durch und setzten vereinzelt Leute aus dem Bus in Budapest, Wien, Mühldorf am Inn,... ab. Am Samstag, 5. März um 14:00 Uhr kamen wir wieder in München an - 72 Stunden nach Abfahrt.

Die Ankunft in München 🚏

Wir teilten uns auf: Eine Gruppe brachten wir in ein Hotel, eine Gruppe zu Freunden und eine Gruppe in eine Unterkunft, die uns von Norbert Porazik von FondsFinanz bereitgestellt wurde. Den Rest führten wir zum Hauptbahnhof zu den dortigen Helfern der Caritas, die leider recht überfordert waren. Der Weg vom Hauptbahnhof zu den Zügen war jedoch nicht mehr so weit. Von dort wollten die Geflüchteten weiter nach Nürnberg, Berlin, Frankfurt, Freiburg,... reisen.

Um 18:00 Uhr waren wir dann alle fertig. Im wahrsten Sinne... Auf der Reise ist so viel passiert, dass man das gar nicht in einen kleinen Artikel fassen kann. Als ich eine unserer Übersetzerinnen fragte, ob sie ein paar Geschichten von den Menschen aus dem Bus mit mir teilen könnte, brach sie fast in Tränen aus - ohne auch nur irgendwas erzählt zu haben.

Good news am Ende: Eine der Personen, die wir in eine Unterkunft gebracht haben ist QA-Managerin. Heißt übersetzt: Sie testet Produkte und findet Bugs. Da sie jetzt wieder einen Job braucht und wir keine Bugs in unserer App haben wollen, arbeitet sie jetzt bei uns 🤝

ÜBER DEN AUTOR
Ludwig Petersen

Ludwig hat letsact 2017 aus der Motivation gegründet, einen Raum zu kreieren, indem jeder Mensch einfach Gutes tun kann. Er ist Perfektionist und Idealist und verbringt seine Freizeit gerne mit Freunden beim Surfen am Eisbach.